Barsinghausen. Am 10. Oktober fanden auf Hawaii die Weltmeisterschaften auf der Iroman-Langdistanz statt. Ernst Wildhagen hat nach 2013 zum zweiten mal teilgenommen. Doch dieses Rennen verlief anders als alle seine vorherigen Wettkämpfe. Hier sein Bericht:
"Die Insel gewinnt immer". So sagte es bei der Siegerehrung die Gewinnerin bei den Frauen, Taylor Knipp. Noch im Vorjahr war sie 3 KM vor dem Ziel erschöpft zusammengebrochen. Das Rennen auf Hawaii ist nicht nur ein Wettkampf, bestehend aus 3,8 KM Schwimmen, 180 Km Rad fahren und 42,2 KM Laufen, sondern immer auch ein Kampf gegen die Elemente Wasser, Wind und Hitze. Und in diesem Jahr meinte es die Insel nicht besonders gut mit den Athleten. Bei den Profis spielten sich wahre Dramen ab. Der führende Mann musste das Rennen 6 KM vor dem Ziel abbrechen und die führende Frau ist nur 1 KM vor dem Ziel kollabiert. Auch der dreifache Hawaii-Sieger Patrick Lange und der frühere Doppelweltmeister Norman Stadler haben das Rennen nicht beenden können.
Für mich war es zwar kein Drama, aber das Rennen verlief trotzdem völlig anders, als ich es gewohnt war. Als Wettkampftyp habe ich eigentlich immer dort meine besten Leistungen gezeigt und meine Trainingsergebnisse deutlich übertroffen. Auch auf Hawaii war ich nach dem Top-Ergebnis beim Ironman Hamburg im Juni und der nahezu optimal verlaufenden Trainingsvorbereitung für das Rennen auf Hawaii sehr zuversichtlich.
Doch schon das Schwimmen war eine harte Prüfung. Hohe Wellen und Wind machten das Schwimmen im Ozean zu dem o.a. Kampf gegen die Elemente. Noch im Wasser haben sich die ersten Athleten übergeben, weil sie entweder zu viel Salzwasser geschluckt haben oder vom Wellengang seekrank geworden sind. Trotzdem war meine Zeit mit 1:21 Std in Relation gar nicht so schlecht und ich kam als 10. (von 70 Finishern) meiner AK aus dem Wasser. Und jetzt kam ja meine Paradedisziplin, das Radfahren. Aber auch hier zeigte Pele, die hawaiianische Göttin der Insel, keine Gnade. Es hatte morgens geregnet und leider ist das auf Hawaii keine wohltuende Abkühlung, sondern der "Saunaufguß" auf dem 50 Grad heißen Asphalt. Dazu kam heftiger Wind, der allerdings erst auf dem Rückweg zum Problem werden sollte. Die Strecke auf Hawaii ist eigentlich sehr einfach. Nach einer kurzen Fahrt durch die Stadt geht es 85 KM geradeaus durch die Lavawüste und die gleiche Strecke zurück. Dabei ist der Kurs mit fast 1.800 Höhenmetern keinesfalls flach. Zunächst lief auch alles nach Plan und nach 100 KM hatte ich mich bereits bis auf Platz 3 vorgearbeitet. Anscheinend hatte ich mir aber schon beim Schwimmen so den Rücken verdreht, dass dieser sich jetzt zunehmend bemerkbar machte. Dazu kam die natürliche Ermüdung nach mittlerweile 5 Stunden Wettkampf in der Hitze. Bis 140 KM konnte ich das Tempo noch einigermaßen halten, aber dann ging plötzlich nichts mehr. Krämpfe am ganzen Körper - sogar in den Fingern! - machten die Weiterfahrt zur Qual und jetzt kam uns auch der Wind heftig entgegen. Normalerweise liege ich nach dem Rad deutlich in Führung, aber heute war ich bereits bis auf Platz 6 durchgereicht worden.
Als ich vom Rad gestiegen bin, merkte ich sofort, dass der Körper nicht mehr wollte und die Krämpfe beim Laufen noch viel heftiger sein würden, denn da kann man es nicht einfach mal Rollen lassen. In der Wechselzone gab es viele helfende Hände, die mir die Schuhe und die Socken angezogen haben und mich mit Sonnencreme und Wasser gut versorgt haben. So ging es auf die Laufstrecke, denn Aufgeben kam für mich nicht in Frage. Ich fliege nicht um die halbe Welt, um dann mit einem DNF (Did not finished) in der Ergebnisliste zu stehen. Da ich ohnehin nach einer Knieverletzung nicht mehr richtig laufen kann, hoffte ich, mit meiner selbst erfundenen Technik "Gaufen" (1KM Gehen und 1 KM Laufen immer im Wechsel) ins Ziel zu kommen. Aber sogar normales Gehen war von Anfang an kaum möglich. Aufgrund der Schmerzen im Rücken konnte ich die Arme nicht richtig bewegen und die benötigt man eigentlich zum schnellen Gehen und zum Laufen. Nach ca. 2 KM stand meine liebe Andrea an der Strecke. Ich sagte ihr, dass ich zwar Probleme habe, aber sie sich keine Sorgen machen müsse. Es würde heute aber "etwas länger" dauern. So ging ich weiter.
Und dann geschah etwas seltsames! Irgendwann hatte ich das Gefühl, mein Geist würde den geschundenen Körper verlassen und einfach alleine immer weiter machen. Und dabei habe ich mir wie ein Außenstehender selbst zugesehen. Das war schon ein magischer Moment. Und dazu kam, dass die Sonne auf Hawaii sehr früh und sehr schnell untergeht und man dann ganz alleine im Dunkeln auf dem Highway ist. Die Stimmung ist einfach unbeschreiblich und der vielgenannte Mythos Hawaii wird hier begreifbar. Nach 6:36 Std für den Marathon kam ich nach insgesamt 13:58 Stunden als 49. meiner AK ins Ziel und war überglücklich, meine Frau in die Arme nehmen zu können.
Bei der Analyse des Rennen stellte sich später heraus, dass neben den harten Bedingungen auch mein Ernährungsfehler Ursache für diesen Leistungseinbruch gewesen sein könnte. Die Ernährung ist extrem wichtig im Ironman und wird zu Recht auch als vierte Disziplin bezeichnet. Ich habe zwar immer genug Kohlenhydrate zugeführt (umgerechnet 15 Tüten Weingummi!) und genug Wasser getrunken (10 bis 15 Liter), aber keine Elektrolyte, insbesondere Salz. Und das ist ungefähr so, als wenn der Motor zwar immer genug Benzin hat, aber irgendwann zu wenig Öl hat und dann zwangsläufig einen Kolbenfresser bekommt.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass dieses Rennen zwar sportlich nicht gut war, aber mental war es das beste Rennen meiner bisherigen sportlichen Laufbahn.
Und nicht nur ich habe gelitten, sondern viele andere Athleten auch, die teilweise bis zu 17 Stunden unterwegs waren. Und auch meine liebe Andrea war als Supporterin mehr als 20 Stunden auf den Beinen und hat gekämpft, gezittert und gewartet und so eine außergewöhnliche Leistung erbracht. Ohne sie hätte ich das Rennen nicht beenden können."
Ernst Wildhagen

