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Über 3.000.000 Aale und 100.000 Quappen für Niedersachsens Gewässer

Foto: J. Theilen/AVN.

Hannover. Die größte Arterhaltungsaktion des Anglerverbands Niedersachsen (AVN) ist für dieses Jahr abgeschlossen. Insgesamt 3.250.419 Aale und 109.300 Quappen haben der Fischerei- und Naturschutzverband und seine Mitglieder – allesamt Angelvereine – in den vergangenen Monaten in ganz Niedersachsen ausgebracht.

Über 200 Angelvereine haben sich für den Schutz der gefährdeten Fischarten eingesetzt: von Borkum bis nach Osnabrück im Westen und von Amt Neuhaus bis nach Duderstadt im Osten. Das Ziel der Aktion: die Rote-Liste-Arten in unseren Flüssen und Bächen erhalten. Langfristig müssen die Tiere wieder bessere Lebensbedingungen vorfinden, um eigenständig ihre Existenz sichern zu können.

Aale sind vom Aussterben bedroht

Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) ist zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt: Wasserkraftwerke und andere menschengemachte Hindernisse versperren ihm seine Wanderroute aus unseren Gefilden bis in den fernen Nordatlantik – und zurück. Denn der Wanderfisch laicht nur in der Sargassosee nahe Florida. Junge Aale, die sich auf dem Rückweg in unsere Bäche und Flüsse befinden, fallen häufig illegalen Schmugglern zum Opfer, die die sogenannten Glasaale als teure Delikatesse nach Ostasien verkaufen. Hinzu kommen tierische Fischräuber wie Kormorane, deren Bestände in den letzten Jahren enorm zugenommen haben.

Ein Aalförderprogramm des Landes Niedersachsen und der EU soll helfen

Um ein Aussterben der Tiere in unseren Gewässern zu verhindern, gibt es ein niedersächsisches Aalförderprogramm, für das der AVN seit 15 Jahren die Besatzaktivitäten lokaler Angelvereine koordiniert: Gemeinsam werden Jungtiere, die in den Flussmündungen von Loire und Gironde in Frankreich noch in großer Zahl auflaufen, vorbei an Hindernissen, per LKW nach Niedersachsen transportiert und dort wieder in die Wildbahn entlassen. 60 % der Kosten übernehmen die Europäische Union und das Land, die restlichen Mittel bringen die Angelvereine aus ihren Vereinskassen auf. Im Jahr 2026 haben sich rund 180 Angelvereine engagiert, indem sie junge Aale erwarben und in rund 250 niedersächsische Bäche, Flüsse oder ans Gewässernetz angeschlossene Stillgewässer ausbrachten. Aalkoordinator Ralf Gerken vom AVN betont: „Das Programm ist nur eine Säule für den Aalerhalt. Für einen dauerhaften Erfolg müssen Gewässer wieder durchgängig werden und Wasserkraftwerksbetreiber auf die Wanderzeiten der beinahe ausgerotteten Tiere Rücksicht nehmen. Denn in den Turbinen werden jährlich Tausende Aale völlig unnötig zerhäckselt.“

Quappen sind fast vergessene Raubfische

Ein weiterer Fisch, der durch menschliche Aktivitäten in Niedersachsen als gefährdet eingestuft wurde, ist die Quappe. Der kälteliebende Raubfisch ist den wenigsten Menschen bekannt, gehört aber zu Norddeutschlands faszinierender Fischartenvielfalt. Der Verlust von regelmäßig überschwemmten, naturnahen Flussauen als Kinderstube hat dazu geführt, dass sich der einzige heimische Süßwasserdorsch trotz einer beachtlichen Fruchtbarkeit (ein Weibchen kann in der Laichzeit mehrere 100.000 Eier ablegen!) in unseren Gewässern kaum noch erfolgreich vermehren kann.

Eine Artenschutzstation als Arche

Der AVN erbrütet darum lokal angepasste Quappen in einer eigenen Artenschutzstation und zieht junge Quappen unter naturnahen Bedingungen auf. In diesem Jahr konnte „Quappen-Papa“ Helmut Speckmann vom AVN in Kooperation mit der Fischzucht Aschauer Teiche im Landkreis Celle über 100.000 Jungquappen an insgesamt 44 Angelvereine und Fischereigenossenschaften übergeben. Die Jungtiere finden in zahlreichen Gewässern ein neues zu Hause. So zum Beispiel in Aller, Aue, Dümmer, Else, Fuhse, Hunte, Innerste, Leine, Mittellandkanal, Siede, Örtze, Oker, Warmenau, Weser, Wümme und weiteren Gewässern.

Angler sind zentrale Artenschützer am Wasser

Angler polarisieren häufig, da sie Fische fangen, töten oder aus verschiedenen Gründen auch wieder zurücksetzen. Ist der Besatz bedrohter Arten also doppelmoralisch? Quappenvater Speckmann findet das nicht, sofern das fischereiliche Management auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist – also nicht mehr Fische entnommen werden, als der Bestand verkraftet. Der Fischereiwissenschaftler sieht es so: „Wenn ich Fische nutze, interessiere ich mich für sie und bin bereit, in deren Schutz zu investieren. Wer sonst wäre bereit, Geld für Tiere auszugeben, von dem er oder sie nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren?“

Studie wirft neues Licht auf Angler

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie, deren Erstautorin am 11. Juli 2026 vom Deutschen Angelverband (DAFV) ein Förderpreis übergeben wird. Dr. Malwina Schafft hatte die Störwirkungen verschiedener Gewässernutzungen an Baggerseen verglichen und festgestellt: Angeln kann Individuen verschiedener Arten am Wasser stören, allerdings sind die Störungen nicht gravierender als durch Spazierengehen oder Bootfahren. Aber während die wenigsten Spaziergänger oder andere Seenutzer sich für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen, werten viele Angelvereine ihre Gewässer messbar ökologisch auf. Die Ergebnisse lassen sich laut der Forschungsarbeit, die am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und der Humboldt-Universität zu Berlin unter Betreuung von Prof. Dr. Robert Arlinghaus entstand, auch auf Fließgewässer übertragen. Somit sind Anglerinnen und Angler nicht nur Nutzer, sondern auch wichtige Anwälte unserer Fische und Gewässer.