Gehrden. „Wir überlegen nicht, überlegen tun die Erwachsenen.“ Dieser Satz fällt bereits im Prolog der Inszenierung und wird schnell zum Leitmotiv des Abends. Zuerst scheint er die Lebenswelt Peter Pans passend widerzuspiegeln: Freiheit, Spielen und ein Leben ohne Verantwortung. Doch noch vor Beginn der eigentlichen Handlung wird diese Haltung hinterfragt. Einer der Peter Pans stellt die Frage nach Sinn und Zweck des eigenen Handelns und stellt so das Konzept des ewigen Kindseins infrage.
Genau hier setzt die diesjährige Theaterproduktion des 12. Jahrgangs des MCGs an.
Die Geschichte basiert auf der Vorlage von J. M. Barrie und wurde unter der Leitung von Fred Ritzer mit Unterstützung von Gina Arlt und Ludger Deters sowie rund 50 Schülerinnen und Schülern neu erarbeitet. Sie beschäftigt sich mit der Sehnsucht, Kind zu bleiben, und der Frage, was Erwachsenwerden eigentlich bedeutet. Aufführungsort war die Wewelsburg.
Im Zentrum steht die Reise nach Nimmerland. Wendy und ihre Geschwister verlassen London und betreten eine Welt, die zunächst grenzenlos und abenteuerlich erscheint. Dort treffen sie auf die Lost Girls, die Meerjungfrauen, die Baumwesen und Captain Hook samt seiner Piratencrew. Gleichzeitig suchen ihre Eltern in der echten Welt nach ihren verschwundenen Kindern. So entsteht ein Kontrast zwischen Fantasie und Realität, zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Das Bühnenbild ist eher minimalistisch gestaltet. Der offene und wandelbare Spielbereich stellt die Darsteller in den Vordergrund. Im Gegensatz dazu regen die kreativen und fantasievollen Kostüme die Vorstellungskraft des Publikums an und lassen es in eine ganz andere Welt eintauchen. Besonders die Baumwesen bleiben durch ihre rindenartigen Masken und die an Pflanzen erinnernden Kostüme im Gedächtnis.
Ein weiterer gut genutzter Ausdrucksträger des Theaters ist die Musik. Sie begleitet die Handlung nicht nur, sondern unterstützt die Wirkung zentraler Szenen und macht die Gefühle der Figuren für das Publikum nachvollziehbar. Einige Songs werden live von Mitgliedern des Ensembles performt, zum Beispiel „Riptide“ oder „Somewhere Only We Know“. Dadurch entsteht eine emotionale Bandbreite: Während „Riptide“ die ausgelassene Aufbruchsstimmung beim Flug der Kinder nach Nimmerland unterstreicht, begleitet „Somewhere Only We Know“ die konfliktreiche Situation zwischen Wendys Eltern sowie Wendys Heimweh. Die Musik wird so zu einem wichtigen Mittel, um die inhaltlichen Entwicklungen des Stücks zu verdeutlichen.
Eine der wohl stärksten Regieentscheidungen ist die Aufteilung der Figur Peter Pan auf vier Darsteller. Jeder Peter zeigt eine andere Facette der Figur. So entsteht ein bewusst gebrochenes Figurenbild, und die Diskussionen innerhalb der Figur können nachvollziehbar dargestellt werden.
Die schauspielerische Leistung ist durchweg überzeugend. Beispielhaft lassen sich folgende Darsteller besonders hervorheben.
Eine der wohl wichtigsten Figuren des Stücks ist Wendy. Sie steht zwischen zwei Polen: der Faszination für Nimmerland und dem Bewusstsein für Verantwortung und Geborgenheit. Naina Beckmann schafft es, diesen inneren Konflikt passend darzustellen. Vor allem durch ihre Mimik und Gestik überzeugt sie das Publikum und macht Wendy zu einer Identifikationsfigur.
Lucy Mischke stellt Tinkerbell als eine ambivalente Figur dar. Sie schwankt zwischen Sarkasmus und Nähe und erzeugt dadurch immer wieder Spannung.
Mats Wehner spielt den Häuptling der Baumwesen. Die Baumwesen übernehmen in dieser Inszenierung die Rolle der indigenen Bevölkerung aus der ursprünglichen Vorlage und ermöglichen so eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Stoff. Die Figur bildet durch ihre ruhige, verlangsamte Spielweise einen guten Kontrast zu den energiegeladenen Peters und sorgt immer wieder für humorvolle Momente. „Ich habe die einzige Rolle, die improvisiert wird“, erzählt Mats (18). Dies ist ihm während des Stücks nicht anzumerken, verleiht seinen Szenen aber einen besonderen Flow.
Kritisch zu sehen ist die letzte Szene, in der die Bewohner Nimmerlands ein imaginäres Krokodil jagen.
Die Szene wirkt durch die große Anzahl an Personen auf der Bühne sehr überladen und dadurch stellenweise unverständlich. Insgesamt bildet sie keinen passenden Abschluss des sonst überzeugenden Stücks. Außerdem scheinen einige Nebenfiguren keine besondere Tiefe zu besitzen. So wirken beispielsweise Wendys Geschwister eher funktional angelegt.
Insgesamt liest die Inszenierung den bekannten Stoff neu und spitzt ihn auf die Frage nach dem Erwachsensein zu. Der Satz aus dem Prolog, „Wir überlegen nicht, überlegen tun die Erwachsenen“, erhält dabei eine neue Bedeutung und wird im Laufe des Abends zunehmend hinterfragt. Dies zeigt sich insbesondere in den inneren Konflikten der verschiedenen Peter-Pan-Figuren sowie in Wendys Entscheidung zwischen der unbeschwerten Welt Nimmerlands und ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Familie.
Das Stück nimmt das Publikum nicht nur mit in eine Märchenwelt, sondern regt auch zum Nachdenken über Verantwortung sowie Kind- und Erwachsensein an. Vor allem für ein jüngeres Publikum sei das Stück ansprechend, weil die Themen für sie unmittelbar erfahrbar seien, sagt Zuschauerin Klara Minnich (17). Darstellerin Naina Beckmann (18) gibt dem Publikum mit auf den Weg: „Man sollte keine Angst vor dem Erwachsenwerden haben.“

