Wunstorf. Am Freitag, den 9. Oktober bekam die Stadt Wunstorf Besuch aus Israel: Atalia Shafir, Tochter von Hans Joachim Kreuzer, kam mit ihrem Lebensgefährten, ihrer Tante Gerda Steinfeld und deren Sohn sowie zwei Verwandten aus Deutschland in die Auestadt.
Hans Joachim Kreuzer war der einzige Überlebende der jüdischen Familie Kreuzer, die von 1921 bis 1939 in der Südstraße 32 gelebt hat. Sein Vater Bernhard Kreuzer hatte dort ein Textilkaufhaus betrieben, anfangs zusammen mit seinem Bruder Adolf, der aber 1927 nach Hannover verzog. Im sich für Juden stetig verschlimmernden Klima der NS-Zeit gelang Hans Joachim 1939 die Flucht nach Palästina, während seine Eltern Bernhard und Else sowie sein jüngerer Bruder Klaus im Holocaust ermordet wurden.
Dem Besuch vorausgegangen war eine Einladung der Stadtbibliothek Hannover. Die dort tätige Provenienzforscherin Silke Bremer hatte in den Beständen ihres Hauses ein Buch ausfindig gemacht – ein Liederbuch Herders –, dass Else Kreuzer gewidmet war. Daraus erfolgte die Verpflichtung zur Restitution, also, das Buch an die erbberechtigten Angehörigen zurück zu erstatten. Die israelischen Kreuzer-Nachfahren sagten sofort zu, die Reise sollte bereits im April 2026 stattfinden. Dann machte jedoch der Iran-Krieg den Planungen einen Strich durch die Rechnung, die bereits gebuchten Flüge wurden gestrichen.
Im zweiten Anlauf gelang nun doch die Reise nach Deutschland. In Hannover fand die Buchrückgabe durch Oberbürgermeister Belit Onay am 8. Oktober statt. Einen Tag später kamen die Kreuzer-Angehörigen dann nach Wunstorf, das Hans Joachim Kreuzer schon 1992 noch einmal besucht hatte. Auch dem Mahnmal an der Abtei wurde ein Besuch abgestattet, bevor es zu einer Stärkung und zu Gesprächen zurück ins Rathaus ging. Aus der Stadt nahmen außer Frau Riedel auch der Ratsvorsitzende Rolf Herrmann, Heiner Wittrock, Autor des Standardwerks über die Wunstorfer Juden, und Stadtarchivar Klaus Fesche teil. Provenienzforscherin Silke Bremer begleitete die Gäste.
Der Besuch nahm einen sehr herzlichen und harmonischen Verlauf. Zu Anfang dankte die stellvertretende Bürgermeisterin Kirsten Riedel den Gästen in ihrer Begrüßungsrede, dass dass durch ihren Besuch die Erinnerung und das Verstehen gefördert würden. Sie bekräftigte auch die Mahnung, dass solche Verbrechen wie in der Zeit der NS-Herrschaft nie wieder von deutschem Boden ausgehen oder in Deutschland stattfinden dürften. Dafür bekam sie gleich großen Applaus. In ihrer berührenden Dankesrede zeichnete Atalija Shafir ein liebevolles Porträt ihres Vaters Hans Joachim Kreuzer (der sich in Israel Jair nannte). Sie beschrieb ihn als einen immer lächelnden und stets optimistischen Menschen und fürsorglichen Familienvater, den alle, die ihn kannten, einfach gern haben mussten. Zwischen den Zeilen klang dabei durch, welch riesiger Verlust es gewesen wäre, wenn auch er von den Nazis ermordet worden wäre. Anschließend meldete sich auch die mit ihren 94 Jahren noch bewundernswert rüstige Gerda Steinfeld zu Wort. Sie schilderte bewegend ihre Erinnerungen an ihre Kindheit vor dem Zweiten Weltkrieg und im Konzentrationslager Theresienstadt. Sehr betroffen machend berichtete sie auch, wie verstört ihr Cousin Klaus Kreuzer (*1931) die Verhaftung seines Vaters in der Reichspogromnacht, den anschließenden Krankenhausaufenthalt seiner Mutter und den Verlust der elterlichen Wohnung erlebt hatte. Else Kreuzer hatte einen Zusammenbruch erlitten, als ihr Ehemann Bernhard nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald als geschundener und gedemütigter Mann zurückkehrte. Kurz darauf siedelte die Familie Kreuzer von Wunstorf nach Hannover um und wurde im Dezember 1941 von Ahlem aus nach Riga deportiert; Klaus und seine Eltern wurden später ermordet. Gerda Steinfelds bereits verstorbene Schwester Margot Kleinberger hat übrigens ihrer beider Jugend samt Haft im KZ Theresienstadt in dem Buch „Transportnummer VIII/1387 hat überlebt“ geschildert.
Als Geschenk der Stadt erhielten die Gäste das Buch des ebenfalls anwesenden Heiner Wittrock über das Schicksal der Wunstorfer Juden, den Kalender des Heimatvereins für 2027 mit historischen Fotos aus Wunstorf und ein vom Archiv erstelltes Faltblatt mit Fotos und Dokumenten zur Wunstorfer Familie Kreuzer. Heiner Wittrock hatte übrigens Hans Joachim Kreuzer und seine Frau 1992 in Wunstorf treffen und kennenlernen können.
Dem Empfang folgten Besuche am früheren Haus der Kreuzers in der Südstraße 32 und des Mahnmals an der Abtei. Das anschließende Mittagessen im Ratssaal begleiteten anregende Gespräche. Die Gäste bekräftigten mehrmals ihre positive Überraschung darüber, dass die Erinnerung an die früheren Wunstorf Juden lebendig gehalten wird. Als Gäste und Gastgeber sich herzlich voneinander verabschiedeten, ging wohl Allen durch den Sinn, einem besonderen Tag erlebt zu haben.

